19.11.2009 - Bergung des Spitzenalpinisten Tomaz Humar im nepalesischen Himalaya.
Am 11.November wurde Gerold Biner, Pilot und Flugleiter der Air-Zermatt, von Viki Groselj aus Slovenien informiert, dass der Spitzenalpinist Tomaz Humar am Langtang Lirung auf 6300m einen Unfall hatte. Nach ersten Angaben brach sich Humar das Bein und war blockiert. Viki wollte wissen, ob es möglich sei eine Helikopterrettung durchzuführen und wollte dabei nichts unversucht lassen.
Gerold Biner stellte ein Team zusammen. Am nächsten Morgen erhielten wir das ‚final go’ von Viki. Bruno Jelk ( Rettungschef ), Robi Andenmatten (Pilot) und ich verliessen Zermatt am 12.November gegen 11.00 Uhr. Gerold Biner koordinierte den Einsatz von Zermatt aus und konnte ein AS 350 B3 Helikopter in Kathmandu organisieren. Der einzige in Nepal stehende Helikopter, welcher in der Höhe die Leistung hat die Rettung durchzuführen.

Wir kamen am 13.November um 15.30 Uhr in Kathmandu an. Nach einer Sitzung mit der Agentur von Tomas Humar sammelten wir noch mehr Informationen über den Verunfallten. Nach Aussagen der Agentur hatte Humar sogar den Rücken verletzt. Dies teilte er über das Satellitentelefon seinem Koch im Basislager mit. Doch seit 3 Tagen hatte man keine Verbindung mehr zu ihm aufbauen können. Ein Team aus mehreren Sherpas versuchte ihn am 12.November terrestrisch zu retten, doch das Gelände ist zu anspruchsvoll und die genaue Position von Humar war unklar.
Danach traffen wir uns mit der Helikopterfirma ‚Fishtail Air’. Wir erklärten unsere Absichten von einer MERS-Rettung (Mulitple Evacuation Rescue System, aka Longline). Die nepalesischen Helikopteroperatoren und Piloten konnten es nicht verstehen, dass wir uns wirklich an einen Helikopter hängen und so die Evakuation durchführen wollen. Bis anhin wurden in Nepal keine Unterlasten geflogen. Materialtransporte führen die russischen MI-8 Helikopter durch, dabei wird alles Transportmaterial an Bord genommen. Dank der diplomatischen Redenskunst von unserem Piloten Robi Andematten konnten wir die Nepalesen überzeugen, eine Lastenklinke am Helikopter zu montieren. Ebenso benötigten wir das Doppelsteuer, damit Robi den lokalen Piloten assistieren kann und einen zweiten Helikopter, welcher uns Kerosin in die Nähe bringt. Als wir schon im Hotel waren, informierte uns ‚Fishtail Air’, dass wir auch die MERS-Aktion durchführen können. Sie waren skeptisch und forderten, dass ihr Pilot immer an ‚controls’ bleibt.

Um 7.15 Uhr verliessen wir den Kathmandu Flughafen Richtung Langtang Lirung. Captain Sabin Basnyat, Copilot Robi, Bruno und ich. Ein zweiter Helikopter mit Kerosin, Humars Freundin und einer Ärztin folgte uns. Nach 30min Überflug landeten wir auf einem kleinen Airstrip auf 3700m etwa 8km vom Berg entfernt. Das Wetter war bedeckt, die Wolkendecke etwa auf 6500m. Schon nach einem 20minutigen Rekkoflug entdeckte Bruno Humar auf etwa 5600m. Von da an überliess der nepalesische Pilot Robi das Steuer. Er flog einen zweiten Rekkoflug mit mir an Bord, dabei flog er alles vom Copilotensitz aus. Diesmal konnte Robi den Helikopter auf 5600m über dem abgestürzten Humar halten und einige Minuten schweben ohne dass der Helikopter dabei wieder absackte. Wir flogen zurück auf den Airstrip und entschieden uns eine MERS-Aktion durchzuführen. Ich hing mich an ein 25m Statikseil an den Helikopter und wir flogen zurück an die Unfallstelle. Robi konnte mich 10m von Humar entfernt absetzen. Über klassisches Nordwandgelände erreichte ich Humar. Eine terrestrische Rettung in diesem Gelände wäre undenkbar gewesen. Leider konnte ich nur noch den Tod von Humar feststellen. Ich hing ihn an das 25m Seil des Helikopters und Robi flog mit dem Verunglückten davon. Ich wartete eine Viertelstunde bis er zurückkam und mich holte. Wir flogen zurück zum Airstrip wo Bruno den Einsatz koordinierte. Tomaz Humar wurde in die deutsche Botschaft gebracht und wir flogen am selben Tag zurück nach Hause. Am 15.November morgens waren wir wieder in Zermatt.

Leider war unsere Rettung nicht erfolgreich. Tomaz Humar starb am 7234m hohen Langtang Lirung. 24h Stunden nach dem Alarm waren wir in Kathmandu. Dank des erfahrenen und eingespielten Teams konnten wir zum ersten Mal eine MERS-Rettung in Nepal durchführen. Wäre Humar nicht so schlimm verletzt gewesen, hätten wir ihn eventuell retten können.

Anthamatten Simon